Nachkriegsjahre

Nachkriegsjahre

Hier sind einige Auszüge aus der Schulchronik. Der erste Abschnitt ist fotografisch wiedergegeben um ein wenig den Flair des Alten zu erhalten. Alle folgenden Passagen sind wortgetreue Auszüge. Die Orthographie der damaligen Zeit wurde übernommen. Wer nach dem Lesen Lust auf mehr Originaltext hat, kann sich die ersten 14 Seiten der Chronik als PDF-Dokument herunterladen. Dort wurden alle Seiten fotografisch wiedergegeben.

Viel Spaß!

Neuanfang

 

Der furchtbare Weltkrieg, der 1939 begann, endigte 1945. Die schlimmsten Monate der Beschußzeit waren Januar, Februar, März, April 1945. Die Amerikaner hatten das gegenüberliegende linksrheinische Dorf Urfeld besetzt und bestrichen mit ihrer Artillerie mit furchtbarer Wirkung das rechtsrheinische Gebiet mit Niederkassel. Wochen und Monate war es der Bevölkerung nicht möglich, frei die Dorfstraße zu passieren ohne Gefahr zu laufen, Splitter abzubekommen oder durch Abwürfe aus den Flugzeugen getötet zu werden. Zahlreiche Todesopfer und viele Schwerverletzte wurden verzeichnet. Die Verletzten wurden vom Kloster und vom Roten Kreuz versorgt. 
Das Dorf hat viele Schäden zu verzeichnen. Manches Haus ist verschwunden. Die Kirche und das Pfarrhaus sind, Gott sei Dank, erhalten, wenn auch schwer beschädigt. In dieser gefahrvollen Zeit hielt Herr Pfarrer Grimm täglich im Pfarrhause die heilige Messe. 
Ein Teil der Bevölkerung verließ fluchtartig den Ort. Einer der ersten war der nationalsozialistische Bürgermeister Baumgärtel mit Frau. Er hat den Ort nach der Einnahme durch die Amerikaner am 13. April 1945 nicht mehr betreten. Die Reste der deutschen Soldaten, 10 Mann, zogen in den späteren Abendstunden des 12. April von Niederk. fort. Da der Ring von den Amerikanern bereits geschlossen war, wurden sie Gefangene. Kampflos wurde der Ort den Amerikanern übergeben. Für Niederkassel war der Krieg zu Ende.

Nach einigen Tagen verließen die Amerikaner das Dorf. Nur den Städten blieben die Besatzungstruppen. Jedermann freute sich der ungewohnten Bewegungsfreiheit auf den Straßen, ohne Angst, ohne Gefahr. Aber wie lange? Bald kam eine Zeit größter Not. Bewaffnete Banden überfielen bei Nacht die Dörfer. Monatelang verbrachten wir jede Nacht in der Angst, von ausländischen Überfallenden ausgeplündert zu werden und noch mehr.

Auch diese böse Zeit ging vorüber. Und wie stand es in der Kriegs- und Beschußzeit mit der Schule. Im Laufe des vorletzten und des letzten Kriegsjahres war sehr unregelmäßig Schule. Von Januar 1945 ab war die Schule von Soldaten besetzt. Der alte Schulbau war zu Anfang des Krieges wegen Unhygiene geschlossen worden. 3 Räume waren vom Bürgermeister im Altersheim des Elisabethhauses, Rathausstr. für Schulzwecke beschlagnahmt worden. Am 21. Sept. 1945 wurde der Schulunterricht in Niederkassel wieder aufgenommen. Nur 1 Klassenraum konnte bezogen werden. Die beiden anderen Räume im Kloster waren durch Beschuß unbrauchbar. Auch der eine benutzte Raum war nur notdürftig hergerichtet. 14 Tage war die Seite nach dem Rhein zu nur mit Pappe verschlagen. Sonntag vor Schuleröffnung war feierliche Kreuzübertragung aus dem Pfarrhaus in den Klassenraum. Die Gemeinde beteiligte sich vollzählig. Zunächst wurden nur 4 Jahrgänge unterrichtet.

Freud und Leid – Die schwere Zeit der Nachkriegsjahre

Am 10.11.1945, Vorabend von Martinus, fand wieder das erste Mal nach den Jahren der Not, der Fackelzug statt. Die gesamte Schuljugend und die Kleinen aus dem Kindergarten beteiligten sich mit Fackeln. St. Martinus zu Pferde, Musik und ein langer Fackelzug. Ein Riesenfeuer am Kriegerdenkmal – eine Rede des Hern Amtsdirektors Becker – und ein feiner Weckmann zum Schluß. […]

4.2.46 […] Vorbereitung zur Abstimmung für die konfessionelle Schule. Niederkassel hat 101 Erziehungsberechtigte mit 151 Kindern. Alle haben ihre Stimme der kath. Schule gegeben. […]

Mittwoch, 17. Juli 1946 wurde duch Herrn Kardinal Dr. Josef Frings die heilige Firmung in Niederkassel erteilt. Das Dorf hatte einen würdigen Schmuck angelegt. Jedes Haus hatte Kirchenfahnen aufgezogen. Am Dorfeingang grüßte den hohen Kirchenfürsten ein Guirlandenbogen. Wimpelschnuren schmückten die Straßen. Unter feierlichen Glockengeläut zog der Fürst in die Kirche ein. Am Portal wurde er mit einem Gedicht empfangen. Herr Pfarrer Grimm gab in seinen Begrüßungsworten einen Rückblick über die schweren Zeiten, die Kirche u. Pfarrei überstanden hätten. Darauf begann das Pontifikalamt. Nach dem Evangelium sprach der Herr Kardinal zu den Kindern. Nach der heiligen Firmung prüfte er sie. […]

Am 28. August Ausflug der Mittelklasse ins Siebengebirge. Dieser 1. Ausflug für die Kinder war ein Erlebnis. 8 Uhr Abfahrt in Niederkassel. In Bergheim Fahrt über die Sieg – Wanderung bis Beuel, Fahrt nach Niederdollendorf. Fußtour durch den Wald nach Heisterbach. Rast im Einkehrhaus und Stärkung aus mitgebrachtem Vorrat. Am Fuße des Ölberges vorbei bis Honnef. Bahnfahrt nach Troisdorf. Müde aber sehr befriedigt Ankunft in N. gegen 1/2 7 Uhr. […]

31. Okt. 46 Ärztliche Untersuchung. Die Krätze breitet sich immer mehr aus. […] […] 3 Klassen, 3 Lehrende, 2 Klassenräume; 166 Kinder […]

Am Abend des 11. Nov. fand unter regster Beteiligung der Dorfeinwohnerschaf der Martinszug statt. Die Schulkinder, die Kindergartenkinder und Mütter mit Kleinkindern trugen Fackeln, sodaß der Zug einen erhebenden Eindruck machte. Die Kinder schmetterten aus voller Kehle zum Lobe des Heiligen ihre Lieder. […] In der Schule wurde ein Wecken von besonderer Größe und Güte den Kindern beschert.

1946/1947 war ein ungewöhnlich langer und strenger Winter. 2 Wochen vor Weihnachten setzte er ein und hielt an bis zum 10. März 1947. Da das Heizmaterial für beide Klassen nicht ausgereicht hätte, wurde der Unterricht drei Mal unterbrochen. Kälteferien: 28.1.47-2.2.47; 7.2.47-19.2.47; Ab 20.2.47 wurde zwecks Einsparung von Heizmaterial nur 1 Raum geheizt.

Die erste Schulspeisung der Kinder in Niederkassel setzte am 2. Sept. 47 sein. Alle Kinder erhalten 1/2 l Suppe. Die zwölfjahrigen K. erhalten zusätzlich ein Brötchen. Die Schwestern im Elisabethhaus sorgen für die Fertigstellung und Austeilung der Suppe. 178 Portionen werden gebraucht. […]

Weihnachtsferien: 20. Dez. bis 7. Jan. 1948. Am letzten Schultage wurde noch eine besondere Freude den Kindern durch eine Sonderzuteilung von der Schulspeisung gemacht. 1 Tafel Schokolade, 1 Rolle Bonbons, 1 Fruchtstange, Erdnusse und 1 geschlossenes Päckchen (Armeepackung). Die Freude war groß.
Am heiligen Tage früh 5 Uhr war die Christmette. Nach Jahren läuteten die Glocken festlich und feierlich und luden die Gemeinde ein, Gott die Ehre zu geben. Und sie kamen wohl alle in das herrlich geschmückte Gotteshaus. Hell strahlten die Christbäume am Altare und um die Krippe mit den trauerlichen Figuren. Eine Krippenfeier ging den drei Ämtern voraus. Lehrer Markert hatte seine Kinder für diese Feier interessiert. Die Kinder jubelten wohl mit den Englein im Himmel um die Wette. Eine unübersehbare Menge nahte sich dem Tische des Herrn. Kaum einer verließ die Kirche, bevor die 3 Ämter beendet waren. Auch die Kinder hielten aus. Es war ihnen gewiß kein kleines Opfer, da daheim die Gaben ihrer warteten. […]

Das Jahr 1947 hat seine Tore geschlossen. Ein Jahr der Not und des Hungers für unser deutsches Volk. Ein Blick auf die Kinder in der Schule zeigt sichtliche Spuren dieser Not. Der Mangel an Schuhen ist besonders groß. Die mangelhaft geflickte Kleidung zeigt, daß es bereits am nötigsten Stopfmaterial fehlt. 1/3 der Kinder hat nur trockenes Brot zum Frühstück mit. Eine schnelle Ermüdung und geringe Konzentration im Unterricht sind die Folge der mangelhaften und unzureichenden Ernährung. Bei den älteren Jahrgängen ist eine wachsende Sucht nach Vergnügungen festzustellen, der die Eltern nicht entgegentreten. […]

Zur großen Freude der Kinder brachte St. Martinus auch 1948 einen guten Wecken. 400 Wecken waren gebacken worden. Dank sei den Spendern, die mit den übriggebliebenen Wecken kranken und alten Leuten und manchem Flüchtling eine Freude bereiteten. […]

Zu den Sommerferien wurden die Klassenzimmer einer gründlichen Renovation unterzogen und erhielten einen neuen Anstrich, was die Arbeitsfreude bei Kindern und Lehrpersonen erhöhen wird. Der Plan eines Schulneubaues ist deshalb aber nicht aufgegeben.

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